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Warum hervorragende Arbeitszeugnisse nicht immer so toll sind…

Meine neue Klientin, Mitte 30, sitzt vor mit mit einem müden, etwas traurigen Ausdruck in den Augen. Es geht um Bewerbung und berufliche Neuorientierung und aus unserem Vorgespräch weiss ich, dass sie – so ganz am Rande – auch über das Thema Stress sprechen möchte.

Ihre Bewerbungsunterlagen, die sie mir im Vorfeld als erste Übersicht zugeschickt hatte, sind absolut top. Mir fallen insbesondere ihre herausragenden Arbeitszeugnisse auf. Die früheren Arbeitgeber loben sie in den allerhöchsten Tönen. Und nun, da sie vor mir sitzt, mit so einem müden Ausdruck in den Augen, kommt mir ein erster Verdacht. Wir sprechen über ihre bisherigen beruflichen Erfolge, was gut gelaufen ist, inwiefern sie sich umorientieren möchte. Und dann rückt das Thema Stress ganz schnell in den Vordergrund.

Denn da ist auf einmal die Kehrseite der tollen Arbeitszeugnisse: Die mehr und mehr sichtbar werdende Überforderung. Aber woher kommt die Überforderung? Im Laufe der kommenden Sitzungen arbeiten wir uns langsam bei den Themen wie hohe Eigenansprüche und Perfektionismus heran.

Und noch ein Thema taucht hinter den hohen Eigenansprüchen auf: „Ich bin nur liebenswert und anerkannt, wenn ich super gute Leistungen bringe.“ Ein tief verwurzelter Glaubenssatz, der meine Klientin bislang zu Höchstleistungen angetrieben hat, aber auch „ganz gezielt“ in einen Burnout führen kann.

Gesellschaftliches Phänomen

Ich erlebe das bei ganz vielen Klienten, die auf einen Burnout zusteuern oder gerade einen Burnout hinter sich haben: Sie definieren ihren eigenen Wert in erster Linie über ihre eigenen Leistungen. Etwas, das in unserer Gesellschaft leider sehr häufig vorkommt und von Generation zu Generation so weitergegeben wird.

Ich habe mich neulich mit einer Kollegin über diese Dinge ausgetauscht. Sie hat einige Jahre Erfahrungen in Afrika sammeln dürfen und es dort genossen, dass man als Mensch einfach so angenommen wurde wie man war und eben nicht erst etwas leisten musste (oder glaubte etwas leisten zu müssen) um anerkannt zu werden. Sie empfand es als totale Befreiung und als unglaublich wertvoll.

Wie kommt man daraus?

Die Selbsterkenntnis ist der erste Schritt, wie immer im Leben. Wir müssen uns bewusst machen, dass wir bislang so funktioniert und gedacht haben UND, dass sich dahinter ein Muster versteckt, das wir meisten schon in der frühen Kindheit erlernt haben. Meistens reicht es, sich das eigene Denken und die eigenen Antreiber bewusst zu machen und dann Stück für Stück seine Denkmuster zu verändern. Eine Abkürzung kann zusätzlich auch ein Introvision-Coaching sein, das ich in solchen Fällen gerne mal mit einfliessen lasse.

Wer diesen Prozess nicht durchläuft und mit all seinen Mustern in den nächsten Job und die nächste Herausforderung stürmt, läuft Gefahr, beim nächsten Mal genau wieder in diese Überforderung hineinzulaufen. Wieder 200% statt der geforderten 100% zu leisten und sich selbst damit auszubeuten. Bis zum (nächsten) Burnout.

Mehr Zufriedenheit

Übrigens hat das dann auch einen starken Einfluss auf den weiteren Verlauf der eigenen Karriere. Denn wenn man nicht mehr primär leistungsgetrieben unterwegs ist, ist plötzlich Raum für die eigenen Werte da. Und gerade die Werte können einen grossen Unterschied machen, für was man sich dann entscheidet. Und das Leben der eigenen Werte führt meistens zu einer viel grösseren Zufriedenheit.

Inwiefern kommt Dir das bekannt vor?

Ich freu mich auf Deinen Kommentar!

Foto:  ©Gina Sanders, fotolia.com

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Kommentare

  1. Diana  August 28, 2016

    Ja. Warum ist das nur so? Danke für den sehr einfühlsamen Artikel. Nur nicht an Arbeitszeugnissen messen. Sie sind oft noch codiert und werden völlig überbewertet. Das Introvosion-Coaching klingt sehr interessant. Was passiert da??

    antworten
    • Kirsten Brennemann  August 28, 2016

      Danke Diana. Introvision Coaching ist eine relativ neue Methode, die an der Uni Hamburg entwickelt worden ist. Man kann mit dieser Technik solche tiefsitzenden Ängste – wie beispielsweise: ich bin wertlos, wenn ich nichts / nicht genug leiste“ in 2-3 Sitzungen auflösen. Wenn Dich das Thema interssiert, schau doch mal auf meine Infoseite dazu, dort findest Du auch weiterführende Links. https://www.brennemann-coaching.ch/introvision-coaching/

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